Dada entstand im Februar des Jahres 1916 im Umfeld des legendären
Züricher Cabaret Voltaire, das im selben Monat von Hugo Ball, einem der Urväter dieser Kunstrichtung, gegründet worden war. Dada (auch als Ismus: Dadaismus) war historisch gesehen von Anfang an eine impulsive, sich in letzter Konsequenz selbst vernichtende Kunstlaune . Von seinem einstigen Ausgangspunkt, dem Cabaret Voltaire, ist heute nichts mehr übrig: Es bestand nicht länger als sechs Monate.

Das Kabarett hatte sich zum Zeitpunkt der Eröffnung zwar noch keinem festen Programm verschrieben – die Beiträge der ausstel-lenden und auftretenden Künstler sollten lediglich unkonventionell und neuartig sein -, entwickelte sich aber bald zum Zentrum einer Bewegung mit einem festen Kern und zumindest zeitweise gemeinsamen Ansichten. Basis des Dadaismus war dabei die antirationalistische  Grundhal-tung  der meisten Anhänger, die ihn als erste Antikunst auszeichnete und sich in einigen Fällen zu einer allesum-fassenden Anti-Haltung steigerte: Man  hatte genug vom verträumten, zucker-süßen Impressionismus, vom über-schäumenden, inhaltsschweren Expres-sionismus, vom Rationalismus, Nationalismus und überhaupt sämtlichen Ismen der spätesten und insgesamten Menschheitsgeschichte. Impulse aus der Kunstkritik, verschiedenen Spielarten der Kunstrevolution wie dem Futurismus oder dem Kubismus, der europäischen Geistesgeschichte und dem unbeständigen Geist der Zeit des ersten Weltkriegs und danach flossen zusammen in der Idee des Dada.

Einer der ersten Höhepunkte der raschen Entwicklung war Hugo Balls Auftritt im Cabaret Voltaire im selbstgebastelten  Kostüm. An seinem Gedicht „Wolken“ lassen sich einige der Kernthesen des literarischen Dadaismus gut nachvollziehen.

 

 

 

elamen   elomen   lefitalominai

wolminuscaio

baumbala   bunga

acycam   glastula   feiroflim   flinsi

 

elominuscula   pluplubasch   

rallalalaio

 

endremin   saxassa   flumen   flobollala

feilobasch   falljada   follidi            

flumbasch

 

cerobadadrada

gragluda   gligloda   glodasch

gluglamen   gloglada gleroda   glandridi

 

elomen   elomen   lefitalominai

wolminuscaio

baumbala bunga

acycam   glastala   feirofim   blisti

elominuscula   pluplusch

rallabataio

 

 

 
 
 

Wie man sieht, hatte Dada an erster Stelle den Inhalt satt. Worten war in der bisherigen Literatur oft zuviel Bedeutung aufgeladen worden, eine Bedeutung widersprach der anderen, manche sogar sich selbst. Dieses unübersichtlichen Bedeutungsgeflechts waren die Dadaisten überdrüssig. Das Wort wurde ausgeleert und nach Möglichkeit sinnfrei gebraucht. Im Fall von „Karawane“ fällt dabei sogar die letzte Einschränkung, überhaupt noch Worte gebrauchen zu müssen. Warum soll man die Dinge nicht einfach nach Lust und Laune benennen, ohne auf überkommene Regeln, Diskurse und Lexikoneinträge zu achten?

Eine kindliche, unvoreingenommene Sichtweise der Welt war das erklärte Ziel einiger Dadaisten. Man wollte auf eine natürlichere, unbewusstere Weise an die Dinge herangehen und sie, anstatt sie sofort durch die Vernunft zu überinterpretieren, nur nachahmen, stehen lassen oder mit ihnen spielen. Die Grenze zwischen Kunst und Leben sollte fallen, indem Kunst keine Vorbildung oder Profession und auch kein ästhetisches Konzept mehr erforderte, sondern ein buntes Spiel des Zufalls unter Einschluss des Sinnlosen und Hässlichen wurde.

Die Abschaffung des anstrengenden Inhalts und das Spiel mit der Form führten zu einigen für die künstlerische Moderne wichtigen Entwicklungen. Der freie Umgang mit der Typographie, wie er in „Karawane“ zu sehen ist, sowie die Technik der Collage und Fotomontage haben Malerei und Design weitreichend beeinflusst. Die Konzentration auf die Form war, wenn auch nicht von Dada allein entdeckt, so aber doch nur hier bis ins letzte ausgereizt und am klarsten repräsentiert, für die weitere Entwicklung der Kunst zentral. Strömungen wie die konkrete Poesie mit ihren spielerisch geformten Texten, Pop-Art, die den alltäglichen Gegenstand in den Bereich der Kunst erhebt und der plakativen Wirkung oftmals mehr Wirkung zuschreibt als dem Inhalt, oder die analytische Musik, die Töne in willkürlichen Experimenten anordnet, haben von Dada enorm profitiert. Nicht zuletzt ist der Dadaismus ein wichtiges Zeugnis für den Beginn des allgemeinen form-orientierten Denkens nicht nur in der Kunst, sondern auch in den Wissenschaften und der Philosophie.

Weitere wichtige Impulse gingen von Dada im Bereich der Installation, wie man sie heute auf den meisten zeitgenössischen Ausstellungen zur Genüge sieht, und der umstrittenen Aktions-kunst aus. Diese Neuerungen tauchten jedoch nicht im Umfeld des Züricher Dadaismus, sondern des Club Dada auf, der 1920 in Berlin von Raoul Hausmann und Zürich-Mitspieler Richard Huelsenbeck gegründet wurde, und wo wenig später auch die erste Dada-Messe stattfand. Zu dieser Zeit wurden nicht nur in Deutschland mehrere dadaistische Vereinigungen und Zeitschriften gegründet, sondern auch in Frankreich (Paris) und den USA (New York).

Der Hauptunterschied zwischen den beiden großen Dadazentren des deutschsprachigen Raumes, Zürich und Berlin, bestand vor allem in der Politisierung des Berliner Dadaismus. Seine Mitglieder sahen die künstlerische Gestaltung in dem Sinn, dass sich die Wahrnehmung eines Kunstwerks von normaler Wahrnehmung abhebt, nur noch als Mittel zum Zweck an, Kritik an der aktuellen Politik auszuüben und antibürgerliches, teils anarchistisches Gedankengut wirkungsvoll in Szene zu setzen. Die Dada-Messe von 1920, die erstmals Installationen aus alltäglichen Objekten zeigte und aufgrund ihrer provokativen Aufmachung als Vorläufer der Aktionskunst gesehen werden kann, ist ein Beispiel dafür. Wegen der kritischen Einstellung zum ersten Weltkrieg wurden zwei der Aussteller sogar zu einer Geldstrafe verurteilt.

Diese Messe, die Dada als internationale Bewegung profilieren sollte, blieb jedoch die einzige. Die Gruppen spalteten sich bald auf, die meisten Mitglieder hängten sich anderen Strömungen wie dem aufkommenden Surrealismus oder der Neuen Sachlichkeit an oder entwickelten ihre Kunst selbständig weiter und weg von Dada. Der einzige Künstler, der Zeit seines Lebens Dadaist war, obwohl er gerade von den Berliner Dadas als zu bürgerlich ausgeschlossen wurde, ist meines Wissens Kurt Schwitters.

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Aufgrund der Heterogenität schon der Ideen der Gründungs-mitglieder ist oft behauptet worden, etwas wie den Dadaismus habe es nie gegeben. Tatsächlich spricht einiges dafür: Tristan Tzara z.B., der später zum Surrealismus überwechselte, hatte von Anfang an völlig andere Vorstellungen als etwa Hugo Ball und propagierte Dada stark als völlig neue Kunstrichtung. Seinen Bemühungen dürfte viel davon zu verdanken sein, dass Dada überhaupt als eigenständige Bewegung anerkannt wurde. Züricher und Berliner Dadaismus unterschieden sich stark in ihren Konzepten, ganz zu schweigen von den anderen Dadazentren etwa in Paris und New York, die auch formal andere Wege einschlugen. Die Bewegung war extrem kurzlebig und stand zudem auf kaum überschaubare Weise mit zahlreichen anderen Spielarten der Kunstrevolution in Verbindung, aus denen sie Einflüsse aufnahm und verwarf oder verstärkte. Das Simultangedicht beispielsweise, das oft als dadaistische Erfindung gehandelt wird, kam wahrscheinlich zunächst aus dem Futurismus. Und selbst aus dem verhassten Expressionismus finden sich z.B. bei Hans Arp gelegentlich noch Überreste.

Entgegen diesen Argumenten spricht aber auch einiges für Dada als Einheit. Nicht nur Dada, sondern die meisten hektischen Entwürfe einer neuen Kunst der damaligen Zeit konnten nicht lange aufrechterhalten werden. Unterschiedliche Strömungen gab es in jeder der konstruierten Epochen der Literatur-geschichte. Auch die Behauptung, Dada habe keinen festen Ideenkern, ist ungerechtfertigt, da sie meiner Meinung nach von der Behauptung geschieden werden muss, die einzelnen Handlungs-träger des Dada hätten sich nie auf ein einheitliches Konzept geeinigt. Gemein-samkeiten sind eine Sache der Inter-pretation. Eine einheitliche Motivation, schriftlich feszuhalten, fördert eine einheitliche Interpretation, ist aber nicht notwendig für diese. Auch ohne die Einigkeit der Autoren untereinander zu Lebzeiten lässt sich in dadaistischen Kunstwerken ein roter Faden erkennen: Die Verneinung des Sinns auf formaler und inhaltlicher Ebene. Um diese Bedingung für Dadaheit gruppieren sich lose die künstlerischen Neuerungen, die Dada gemacht oder übernommen und verstärkt hat: Collage- und Montage-techniken, Materialkunst, das Element des Zufalls und des Spiels mit belie-bigen Formen, bewusste Provokation mit Unsinn und Antikunst.

 

ð Gedichte von bekannten Dadas
ð Einige Collagen
ð Gedichte von Dada Rabart

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(Ball) Dada heißt im Rumänischen Ja, Ja, im Französischen Hotto- und Steckenpferd. Für Deutsche ist es ein Signum alberner Naivität und zeugungsfroher Verbundenheit mit dem Kinderwagen.

(Arp) Der Dadaismus hat die schönen Künste überfallen. Er hat die Kunst für einen magischen Stuhlgang erklärt, die Venus von Milo klistiert, und "Laokoon & Söhnen" nach tausendjährigem Ringkampf mit der Klapperschlange ermöglicht, endlich auszutreten. Der Dadaismus hat das Bejahen und Verneinen bis zum Nonsens geführt. Um die Indifferenz zu erreichen, war er destruktiv.

(Ball) Was wir Dada nennen, ist ein Narrenspiel aus dem Nichts, in das alle höheren Fragen verwickelt sind; eine Gladiatorengeste; ein Spiel mit den schäbigen Überbleibseln; eine Hinrichtung der posierten Moralität und Fülle.

(Arp) Dada ist der Ekel vor der albernen verstandesmäßigen Erklärung der Welt